Mallorca und seine Freunde... ein paar Gedanken notiert zum Thema Tourismus
von 2001 / überarbeitet 2005 von H.P. Schlug, Mallorca
Quelle: Pressemappe 2001/2002 Noticias Playa Port Vell
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Mallorquiner und Ausländer
Mehr als 19 Millionen Besucher werde sicher dieses Jahr nach Mallorca kommen. Eine solche touristische Invasion wirkt auf viele Einheimische wie die Besetzung durch fremde Armeen. Und Besatzer lieben die Insulaner gar nicht, die haben sie im Laufe ihrer Geschichte schon reichlich erlebt. Deshalb machte ein damals ernsthafter Vorschlag jedoch als getarnter »Scherz« auch ziemlich Furore, den sich vor einiger Zeit im Nachrichten-Sommerloch ein Bundestagsabgeordneter aus Deutschland leistete: Er regte an, man solle doch den Spaniern Mallorca für ein paar Milliarden abkaufen, und sorgte damit für eine Riesenschlagzeile in der auch auf Mallorca überall aushängenden »Bild«-Zeitung. Die Mallorquiner empfanden das als üble Anmaßung, die man den Deutschen noch lange ankreiden wird gerade unter dem Gesichtspunkt der kaum vergessenen Franco- Hitler- Zeit.
Stolz, Ehre und Würde spielen im Gefühlsleben der Spanier eine viel wichtigere Rolle als bei den Deutschen. Spanier empfinden es als unwürdig, wenn Touristen in kurzen Shorts und nacktem Oberkörper oder Frauen im Strandoutfit durch Palmas Einkaufspasagen bummeln, derart leicht bekleidet in Lokalen sitzen oder gar Anstalten machen, so die Kathedrale zu besichtigen.



Mallorquiner und Besucher
Die Mallorquiner bemühen sich zwar, unangemessene Verhaltensweisen dieser und anderer Art zu »übersehen«, aber man merkt ihnen oft genug an, wie sie trotzdem darunter leiden. Ihre Einschätzung würdeloser forastres (Ausländer) steht ihnen ins Gesicht geschrieben.
So auch manchem Kellner, der von turistas dieser Sorte laut und vernehmlich mit Bestellungen, wie etwa: »He, Ober, zwei Bier, aber rapido«, traktiert wird. Selbst in der Bierstraße an der Playa de Palma macht die Bedienung oft genug nur gute Miene zu bösem Spiel. Man kann gelegentlich spanisches Personal erleben, das es mit gespieltem sprachlichem »Unverständnis« bewußt darauf anlegt, daß solche Urlauber wütend das Lokal verlassen. »Mallorquiner sind von ihrem Temperament her ungefähr so weit vom stereotypen Bild des feurigen Spaniers entfernt wie wir selbst. Durch den intensiven Kontakt mit Besuchern aus aller Herren Länder ist in knapp drei Jahrzehnten aus einer rückständigen, traditionsbewußten Provinzregion Spaniens, wie sie oft bezeichnet wird, ein Stück Mitteleuropa mit hohem Lebensstandard geworden. Die spontane Verbrüderung mit Unbekannten gehört daher auch nicht gerade zu den typisch mallorquinischen Verhaltensweisen.«

Tatsächlich ist das Verhältnis der Mallorquiner zu den Besuchern zwiespältig. Einerseits widerspricht die touristische Invasion ihren Vorstellungen, und das Verhalten vieler Urlauber und Residenten beleidigt ihren Stolz. Andererseits ist das Geld der Ausländer natürlich willkommen.
Die Balearen verfügen über das höchste Sozialprodukt pro Kopf und die niedrigste Arbeitslosenquote aller spanischen Provinzen. Jedermann auf Mallorca weiß, daß die Insel ihren Wohlstand dem Tourismus verdankt, verdrängt aber diese Tatsache gerne. Obwohl Kastilisch (castellano), das Hochspanische, und Mallorquin (mallorquí/catalán) gleichberechtigte Amtssprachen sind, erfolgen offizielle Bekanntmachungen der Inselregierung vermehrt nur noch in catalán. Dasselbe gilt auch für viele amtliche Formulare mit der Folge, daß selbst Festlandspanier bei Behördengängen oft Übersetzungshilfen benötigen. Mit der Bevorzugung der eigenen Sprache betont man ganz bewußt die vor allem in der Franco-Zeit unterdrückte Eigenständigkeit der Balearen. Im Inselinneren kann es schon mal vorkommen, daß Sie ein Mallorquiner nicht verstehen will, wenn Sie ihn auf Spanisch ansprechen. Dies steht durchaus in Einklang mit der Position der Balearenregierung, die ausländischen Residenten nachdrücklich empfiehlt, sich zu integrieren; sprich, Mallorquin zu lernen. Mallorca sei eben autonome Provinz und erst in zweiter Linie Spanien, heißt es.
Dem Mallorquin begegnen Besucher unweigerlich schon auf dem neuen Großflughafen San Joán, wo Hinweisschilder vor Englisch und Spanisch in der lokalen Sprache beschriftet sind, die nur von ganzen 600.000 Menschen gesprochen wird.


Mallorquiner und Touristen

Mallorquiner und Touristen Obwohl der Airport zu 80 % aus Mitteln der EU finanziert wurde, wovon 60 % aus deutschen Beiträgen stammen, und jährlich weit über 3 Mio. deutschsprachige Touristen kommen, findet man kaum Hinweise in deutscher Sprache. Das zwiespältige Verhältnis der Mallorquiner zum Tourismus zeigt auch folgender Umstand: Obwohl der heute in den mallorquinischen Medien gerne abqualifizierte »Billigtourismus« über viele Jahre für das Gros der Einnahmen sorgte und immer noch sorgt, will man davon offiziell weniger wissen. Neue Planungen und Vorschriften sollen das Mengenwachstum des Tourismus` begrenzen und über ein sog. »qualitatives Wachstum« das Niveau anheben, d.h. die Einnahmen je Besucher erhöhen. So dürfen neue Hotels nur dann gebaut werden, wenn alte dafür abgerissen werden und teuren Vier-Sterne-Komfort bieten. Die Geister, die man einst rief und die nach Ansicht der Inselregierung leider immer noch ihr Unwesen – z.B. am "Ex-Ballermann" – treiben, möchte man jetzt am liebsten ganz loswerden. Sie passen nicht mehr zum heute angestrebten Image der Insel. Statt dessen werden Golfer, Wanderer und Kreuzfahrttouristen umworben, die pro Tag ein Mehrfaches von dem ausgeben, was Durchschnittstouristen im All Inclusiv Tourismus auf der Insel lassen. So erhofft man sich mittels betuchter Touristen ein möglichst weiter steigendes Sozialprodukt bei – am liebsten – nicht mehr wachsenden oder sogar sinkenden Besucherzahlen.

Agrotourismus das neue Konzept ?
Unter Agrotourismus versteht man das neue touristisches Angebot auf der Insel im ländlichen Raum, welches Aufenthalte mit Erlebnischarakter auf oder in der Nähe eines Agrarbetriebes generiert, ursprünglich von Landwirten organisiert wurde und der Landwirtschaft ein Zusatzeinkommen ermöglichten sollte. Man spricht auch im Allgemeinen von Urlaub auf dem Bauernhof. Auf Grund der weiter stark anwachsenden Nachfrage nach solchen Urlaubsangeboten sind heute die Besitzer und Betreiber der Agrotourismusanlagen nur noch selten aus dem ursprünglichen landwirtschaftlichen Bereich. Mit dem erweiterten Angebot soll den Urlaubern das Inselinnere von Mallorca schmackhaft gemacht, das bislang nur die wenigsten kennen. Dort wo Mallorca immer noch die "Isla de la calma" - die "Insel der Ruhe" ist. Diese Regionen bewahren bis heute noch viel von ihrem Brauchtum. Die mindest Anforderungen die erfüllt werden müssen für die Zulassung als eines sogenannten Agrotel liegen bei einer mindest Grundstückfläche von 25000 m2 und das Gebäude muss vor 1960 als Landwirtschaftlicher Betrieb gebaut worden sein und die Anzahl der Zimmer ist je nach bebauter Fläche begrenzt. Daneben gilt es weitere detailierte Auflagen zu erfüllen. 1994 waren es mal gerade 42 Agroturismo-Anlagen mit gesamt 398 übernachtungsplätzen. Ende 2004 sind es bereits 122 Betriebe die mit 1623 gemeldeten Betten registriert sind. In 2005 sind bereits 15 Betriebe neu zugelassen worden und 30 Anträge sind noch in der Bearbeitung. Die durchschnittlichen Übernachtungspreise mit Frühstück (je Person und Tag) liegen bei rund EURO 130.--. Die meisten Kunden kommen zur Zeit aus Deutschland.

Die Einnahmen aus dem Tourismus-Geschäft stiegen auf ein Gesamtvolumen von über 4,6 Mrd. Euro. Wenn sich in einem Jahr nur 5 % der Touristen entschließen, ihr Urlaubsgeld anderswo auszugeben, hat dies einen Ausfall von nahezu 255 Mio. Euro zur Folge. Als allerdings 1996 wegen ungünstiger Wechselkurse viele britische Gäste ausgeblieben waren und damit minus 3 % Umsatz verursacht hatten, erhob sich ein großes Wehklagen. Düstere Prognosen sahen bereits ein Drittel der Hotels von Schließung bedroht. Als zusätzliche ergiebige Einnahmequelle mit ökologischem Deckmäntelchen hob man 1999 die sog. Touristensteuer aus der Taufe, mit deren Erlösen man die Umwelt auf Mallorca vor den Auswüchsen des Tourismus schützen wollte. Überhaupt haben die Regierenden es sich auf die Fahnen geschrieben, Ökologie vor Ökonomie zu setzen und endlich das ungebremste Wachstum im Tourismus und den unkontrollierten Zuzug ausländischer Residenten massiv einzudämmen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit politische Willenserklärungen in diesem Bereich tatsächlich umgesetzt werden können. Der Hotellerie geht es derweil ausgezeichnet. Viele Hotels sind nur sechs Monate im Jahr geöffnet (Mai bis Oktober). In dieser Zeit wird zwar hart gearbeitet und auch verdient, man spricht von bis 25 % Rendite vor Steuern. Das reicht nicht nur den Eigentümern, die heute jedoch in vielen Regionen bereits ausländische Reiseveranstalter sind, um die übrige Zeit des Jahres leben zu können. Die zahlreichen Arbeitnehmer in der Tourismusbranche stehen auch nicht ganz ohne da. Nach sechs oder sieben Monaten Arbeit beziehen viele im langen, milden Winter dann Arbeitslosengeld. Wobei das Arbeitslosengeld auf 120 Tage maximal begrenzt ist. Länger wie in Deutschland üblich, gibt es hier nicht aber nicht. Der massenhafte Erwerb von Immobilien durch Ausländer, führte in vergangener Zeit bei den Einheimischen zu wachsender Besorgnis über den »Ausverkauf« der Insel und angeblich drohenden Verlust mallorquinischer Identität. Die Parole vom »Mallorca der Deutschen« , angeheizt durch die Aussage dde deutschen Politikers, machte weltweit die Runde, basierend auf der gleichnamigen und leider recht plump verfaßten "Sozial-Utopie" des katalanischen Journalisten Carlos Garrido. In Palma fanden sogar anti-deutsche Demonstrationen statt.


Die germanische Machtergreifung
Die Diskussion über die germanische Machtergreifung setzte seltsamerweise ein, nachdem viele Ausländer auf vernachlässigten Grundstücken baufällige Fincas gekauft und diese dann liebevoll und aufwendig renoviert hatten, meist im traditionellen Stil, ganz im Sinne der Erhaltung mallorquinischer Kultur. Vergessen wird von den Kritikern dieser Entwicklung, daß zu einem Verkauf immer zwei gehören. Nur zu gerne verkauft ein Mallorquiner Land und Hütte an einen Ausländer, wenn er von dem ein Mehrfaches des Preises erzielt, den ihm ein Landsmann zahlen würde. Zugeben muß man aber, daß Arroganz und großspuriges Auftreten mancher Ausländer zu der heute spürbaren Antipathie, speziell gegen Deutsche aus dem Lager der sogenannten Neureichen, das Ihre beigetragen haben. Die Mallorquiner werfen den Fremden besonders vor, daß die meisten sich separieren und abschotten, anstatt sich zu integrieren. Die Idee etwa des Metzgermeisters Horst Abel, eine deutsche Partei im Sinne einer Interessenvertretung der deutschen Residenten auf Mallorca zu gründen, führte zu erregter öffentlicher Diskussion. Der Gedanke wurde dann bald fallengelassen. Das Thema Integration taucht auch ohne dramatische Ereignisse immer wieder in der nationalen Presse auf. Aber wenn auf Diskussionsforen lokaler Zeitungen nur Mallorquin gesprochen wird und die eingeladenen deutschen Teilnehmer aus diesem Grund überwiegend gar nicht mitreden können, ist das für die Integration selbst gutwilliger Ausländer nicht gerade förderlich. Das gleiche gilt für kulturelle Veranstaltungen, die ein hervorragendes Forum für Integration sein könnten, sofern interessierte ausländische Besucher nicht von vornherein sprachlich ausgeschlossen würden, denn alles läuft auf Mallorquin ab. Wie empfindlich die Einheimischen in diesem Punkt sind, zeigt das energische Vorgehen gegen Geschäfte und Restaurants deutscher Betreiber, die ihre Waren und Dienste mangels anderer Gäste nur auf Deutsch anbieten. Denn das verstößt nach neuerer »Sprachregelung« gegen das Gesetz. Betroffen sind besonders Betriebe im Bereich Playa de Palma, die sich bekanntlich fest in deutscher Hand befindet. Dort werben auch spanische Geschäftsinhaber und Wirte praktisch nur auf Deutsch. Es scheint auch bei den Mallorquinern die Einsicht zu wachsen, daß die Integration keine Einbahnstraße sein kann, und daß sie ebenfalls auf die Fremden zugehen müssen. Beispiele dafür sind "Runde Tische", zu denen Bürgermeister mallorquinischer Gemeinden ausländische Residenten eingeladen haben, und ein Sprachkurs für Ausländer in Catalán im lokalen Fernsehsender Canal 4 mit Begleitbüchern auf Deutsch und Englisch.

 


  

 
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Erstellt am 21.10.2001 überarbeitet 18.08.2005